Littérature en cas de crise
Literatur im Krisenfall

Literaturtage Solothurn, 16. Mai 2015, 17h im Landhaussaal

Ausgangspunkt jeder Literatur sind Konflikte. Wären Menschen eins mit sich und der Welt, hätten sie vielleicht nie zu erzählen begonnen. Doch selten führt die Erzählung über den Konflikt hinaus oder vermag ihn gar zu lösen. Was leistet die Literatur im Krisenfall?

  

Acht Autorinnen und Autoren deutscher oder französischer Sprache wurden eingeladen, mit literarischen Mitteln einen «Vorstoss» zu formulieren, der sich auf einen politischen Konflikt bezieht.

Im Gespräch mit Cédric Wermuth, Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, und unter der Leitung von Corina Caduff diskutierten die Autorinnen und Autoren im vollen Landhaussaal über die Möglichkeit, politische Konflikte mit den Mitteln der Literatur erfassbar, mitteilbar, gestaltbar zu machen.

Eingeladen haben Adi Blum und Guy Krneta, Vorstandsmitglieder von «Kunst+Politik».
Une coopération avec les Journées Littéraires de Soleure.


-> Revue de presse à propos de cette action
 


Martin R. Dean

Eine andere Sprache


Sehr geehrter Bundesrat und Bundesrätinnen,
Sehr geehrte Parlamentarier und Parlamentarierinnen,
sehr geehrte SRG Direktion und Bildungsdirektoren,

die täglichen Schreckensmeldungen von Ertrinkenden im Mittelmeer treffen mit einer zunehmenden Ablehnung der Flüchtlinge hierzulande zusammen. Im Frühjahr 2015 meldete das GFS Institut in Bern, dass 10 % der Schweizer Bevölkerung eine rassistische Grundeinstellung haben. Diese irritierende Zahl wäre höher, gäbe jeder Befragte offen über seine Abneigung oder über seine islamophoben Ansichten Auskunft. Während also immer mehr Flüchtlinge zu uns wollen, verbreitet sich eine panische Angst vor ihnen und das Bedürfnis nach mehr Abschottung erfasst ganze Nationen. Vergessen geht dabei, dass sich unser Wohlstand auch einem globalisierten Markt mit teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen verdankt, die die Menschen erst in die Flucht treiben.

Wie Sie weiss auch ich um die Befürchtung, dass die eignen Lebensbedingungen durch einen zu starken Zustrom von Flüchtlingen Schaden nehmen könnten. Wie begründet diese Angst ist, sei dahingestellt. Fremdenangst aber ist keine Naturtatsache. Die Sorge, dass das Klima in unserem Land durch die Bewirtschaftung dieser Angst weiter angeheizt wird, muss auch Ihre Sorge sein. Denn igelt man sich im Eigenen ein, werden einem die anderen erst recht fremd. Die Mentalität der Selbstverbunkerung macht aus den Flüchtlingen – und wie wenigen gelingt die Aufnahme in unser Land! – eine Landplage, eine infektiöse Gruppe, die man nirgends unterbringen will. Die meisten Eingewanderten schaffen zudem den Eintritt in die mit Traditionen zugestellte Schweizer Gesellschaft so oder so nicht.  Die Zahlen der Lehr- und Schulabschlüsse, die Arbeitsmarkt- und Vermögensverhältnisse zeigen dies deutlich.

Erlauben Sie mir, angesichts des durch die Flüchtlingskrise verschärften Klimas der Angst und Ablehnung auf eine Verantwortung hinzuweisen, die uns alle betrifft. Sie und ich wissen, dass die Ablehnung des Fremden in unserem Land eine lange Geschichte hat und nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch jenen Teil der Schweizerischen Bevölkerung mit erkennbar ausländischen Wurzeln trifft, also fast ein Drittel. An sie ergeht seit einem halben Jahrhundert die Forderung nach Assimilation, nach mehr Integration. Möglichkeiten aber, wie sich die Einheimischen positiv befremden lassen könnten und auf die Zugewanderten zugehen, wurden nie als Empfehlungen verabschiedet. Während die offizielle Politik und auch ein grosser Teil der Medien die Fremdenangst »versteht«, praktizieren die selbsternannten Retter der Nation, die niemand anderen als ihresgleichen akzeptieren, immer perfekter das Geschäft der Diskriminierung. Sie stellen Fremdheit her, statt diese zu vermindern, sie dämonisieren das Andere, statt es als Teil von sich und der Welt zu sehen.

Die täglichen Ausgrenzungen verlaufen mitten durch die Gesellschaft, auch durch unsere. Die Geschichte des eingewanderten Nigerianers John A., die unlängst in der ZEIT nacherzählt wurde, zeigt dies deutlich. John A. wurde aufgrund eines vermeintlich gefälschten Führerausweises angezeigt und gebüsst, er wurde das Opfer jahrelanger Schikane durch die Behörde, die sein Leben zu ruinieren drohte. Seine schwarze Hautfarbe stellte ihn unter Generalverdacht und raubte ihm jede Glaubwürdigkeit. Er war unschuldig, sein Name und seine Hautfarbe waren sein Schicksal. Das passiert, wenn Schwarze nur über Kriminalstatistiken in den Blick der Medien kommen.
Diese »stille Apartheid« (ein Begriff des französischen Premierministers Manuel Valls), seien wir ehrlich: wir kennen sie alle.  Sie beginnt bei der Wahl des Zugabteils (dunkelhäutige Männer sitzen immer allein, so lange der Zug nicht voll ist), sie geht weiter bei der Wohnungs- und Stellensuche und frisst sich in die Ausbildungschancen der Kinder. Als Lehrer weiss ich, dass Ausgrenzungen gerade bei Jugendlichen einen Knicks in der Biografie erzeugen, einen Makel des Scheiterns und ein Lebensgefühl, das ins Haltlose gleiten kann. Dadurch werden Menschen geschädigt und wird Gewaltbereitschaft erzeugt. Statt Integration, Lernförderung, Nachteilsausgleich und interkulturelle Pädagogik zwingen die Kantone aber die Schulen zum Sparen.

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland ohne Einwanderungspolitik. Bis jetzt hat sie Integration nur als Einbahnstrasse verstanden, als Bringschuld der Heimatverlorenen, denen die Aufnahme nur mit grossen inneren Anpassungsleistungen gewährt wird. Kein Bleiberecht im Paradies ohne Unterwerfung unter die Leitkultur. Mit der Wiederbelebung urschweizerischer Mythen, mit der Verwandlung des Landes in ein Ballenbergmuseum, mit der Reduzierung von Schweizer Geschichte zu einer Endlossage von Rechtschaffenheit, Ehrlich- und Redlichkeit, werden immer neue Instrumente der Ausgrenzung geschaffen. Neunzig Prozent der eingewanderten  Bevölkerung sind bestens integriert und spüren dennoch immer wieder die Zurückweisung. 

 Zur Schaffung einer Willkommenskultur, sehr geehrte Politiker und Medienschaffende, braucht es nicht nur den Abbau von strukturellem Rassismus und mehr Barrierefreiheit für die Zugewanderten in die Institutionen. Es braucht auch andere Bilder und eine andere Sprache für die Eingewanderten. Die Politik könnte von den Schulen lernen, in denen in jeder Klasse eine Handvoll Jugendlicher sitzt, die den Schrecken der Entwurzelung in sich tragen. Die Politiker und Politikerinnen könnten die Erzählung von der grossen Diaspora hören, um sie dem Volk weiter zu erzählen. Auch die Literaten schreiben andere Geschichten vom Fremden und vom Fremdsein. Nur so gelingen auf die Dauer andere Begegnungen mit den Eingewanderten. Eine Sprache, die nur verwaltungstechnisch redet und rechnet – und wann reden Schweizer Politiker und Politikerinnen anders über das »Flüchtlingsproblem« und über »Ausländer« – macht die Ankömmlinge gerade noch einmal zu Fremden.
Wir brauchen einen Perspektivenwechsel in diesem Land, einen anderen Blick auf die Immigration. Wir brauchen einen farbigen Nachrichtensprecher, denn die Nachrichten tönen anders aus seinem Mund. Eine Seconda im Bundesrat, mehr Eingewanderte in Polizei und Verwaltung; Kurse für die Einheimischen, in welchen sie lernen, sich mit dem Fremden zu befreunden –zumindest in diesem Bereich ist die Wirtschaft demokratischer und emanzipierter.

Eine Selbstpolitik, die das Andere in sich tilgt, wird an den Bildern ertrinkender Flüchtlinge ruchbar: die Katastrophen flimmern völlig abgetrennt von ihren Ursachen über den Bildschirm, als gingen sie uns nichts an. Für das Mitgefühl fehlt uns ein Organ, das über die Identifikation mit Unseresgleichen hinausginge. Diese die Hände über dem Kopf zusammenschlagende Nichtbetroffenheit aber wendet sich früher oder später auch gegen das Eigene, wenn es nicht mehr gleich genug ist. 
Die Austreibung des Fremden, habe ich in meinem Buch »Verbeugung vor Spiegeln« geschrieben,  bringt kein Heil, nicht mehr Vertrautheit und nicht mehr Gerechtigkeit; sie beraubt uns zuletzt nur der Fähigkeit zur Toleranz. Sie nimmt uns ein Rätsel, eine Dimension der Erfahrung weg, die im Staunen, in der Überraschung oder im Schock ihren Ausdruck findet. Und in der Verwandlung. Die Schweizer und Schweizerinnen brauchen einen Perspektivenwechsel, eine Selbstverwandlung, sonst fehlt ihnen die Zukunft.


Martin R. Dean (soeben erschienen: Verbeugung vor Spiegeln. Jung und Jung Verlag)


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