Littérature en cas de crise
Literatur im Krisenfall

Literaturtage Solothurn, 16. Mai 2015, 17h im Landhaussaal

Ausgangspunkt jeder Literatur sind Konflikte. Wären Menschen eins mit sich und der Welt, hätten sie vielleicht nie zu erzählen begonnen. Doch selten führt die Erzählung über den Konflikt hinaus oder vermag ihn gar zu lösen. Was leistet die Literatur im Krisenfall?

  

Acht Autorinnen und Autoren deutscher oder französischer Sprache wurden eingeladen, mit literarischen Mitteln einen «Vorstoss» zu formulieren, der sich auf einen politischen Konflikt bezieht.

Im Gespräch mit Cédric Wermuth, Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, und unter der Leitung von Corina Caduff diskutierten die Autorinnen und Autoren im vollen Landhaussaal über die Möglichkeit, politische Konflikte mit den Mitteln der Literatur erfassbar, mitteilbar, gestaltbar zu machen.

Eingeladen haben Adi Blum und Guy Krneta, Vorstandsmitglieder von «Kunst+Politik».
Une coopération avec les Journées Littéraires de Soleure.


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Marica Bodrožić

Mut, Herz und offenes Denken

Ein Plädoyer für eine neue Kultur des Teilens


Unsere Welt befindet sich in einem Veränderungsprozess, den ich mit der Kraft der Kontinentalverschiebung in Verhältnis setzen möchte. Schon 1762 hatte Jean Jacques Rousseau geschrieben, der ursprüngliche Charakter der Völker verwische sich von Tag zu Tag. Heute ist keine Nation mehr in sich selbst abgeschlossen, und die Flüchtlinge, die in trauriger Regelmäßigkeit im Mittelmeer ertrinken, verweisen uns auf neue ethische Koordinaten und darauf, dass wir strenggenommen Menschlichkeit nur soweit für uns selbst beanspruchen können, wie wir fähig sind, sie konkret am Anderen zu leben. Aber wenn wir selbst bedürftig werden, hilft keine Mathematik, wir brauchen dann immer jemanden, der über sich hinauszugehen vermag. 

Empathie hat in unserer durchrationalisierten und auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Welt keinen Platz. Eigentlich stört sie uns sogar. Seit Anfang 2000 sollen an die 24000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sein. Das mare nostrum ist ein Massengrab. Mitgefühl ist den perfekt organisierten Menschen unserer Breitengrade wohl deshalb in hohem Maße lästig, weil es uns als Einzelne sichtbar macht, eine eigene Stimme verleiht und einen eigenen Platz in der Welt gibt. Das ist gefährlich für gehorsame Menschen, sie müssen innere Grenzen überwinden, um andere in ihrem Leiden überhaupt wahrnehmen zu können. Erst jetzt, nach einem neuen Unglück, bei dem an die 900 Menschen ertrunken sind, wird langsam etwas in unserer Empfindungswelt geöffnet. In deutschen Talkshows und Nachrichtensendungen hat es sogar Schweigeminuten für die Opfer gegeben. Wird sich jetzt etwas ändern?

Statt unsere äußeren Grenzen wie die Festung eines Gefängnisses (in dem auch wir, in dieser von uns selbst aufgestellten Logik, uns befinden und keine freien Menschen mehr sind) zu schützen, müssten wir unser Denken und Fühlen wenden und sehen, dass die weltweit sich bewegenden Massen von Flüchtlingen uns stündlich auffordern, neue Orte der Begegnung (nicht wieder »Vergegnung«!) zu erschaffen. Das können nur Menschen, die fähig sind, das eigene Leiden und das Leiden anderer zu betrachten. Offene Orte können und müssen aber am Anfang immer geistig sein, Literatur ist in diesem Sinne auch ein solcher Ort, aber ein innerer, der zunächst »nur« in der inneren Zeit wirksam ist. Literatur stiftet Bewusstsein, sie ist ein wilder, ungezügelter Ort und schöpft genau daraus ihre Kraft. Ein Mensch ist auch ein wilder Ort, der sich nicht gefangen nehmen lassen darf, auch das Fremdeste in ihm ist Mitteilung und Raum. Die funktionalen Nicht-Orte unserer Welt hingegen berauben uns unseren Mitgefühls, machen uns sogar zu reinem »Transit«, zum Kapitalträger ohne Gesicht (z.B. an Flughäfen, Bahnhöfen, wo wir für eine kleine Menge Wasser einen Betrag bezahlen sollen, der anderen anderswo für eine ganze Woche zum Leben reichen muss usw.). Orte, die vor dem Hintergrund der Flüchtlingspolitik einen Unterschied machen, könnten beispielsweise viele ohnehin leerstehende Anlagen sein, aber auch regionale oder städtische Vereinigungen, die eine Patenschaft (sozial, finanziell, kulturell) für Flüchtlingsfamilien und Kinder übernehmen. Warum nicht an einen auf internationaler Ebene fungierenden Solidaritätszuschlag denken?

Wer hilft, muss sich aber auch selbst helfen lassen. Als meine Schwiegeroma Marie im Alter von 102 Jahren von Bremen nach Berlin umzog und in einem Pflegeheim auf fast ausschließlich Ex-Jugoslawen traf, begriff ich, dass die meisten von ihnen wohl einst Kriegsflüchtlinge waren. Sie verständigten sich schon längst im Berliner Dialekt, während Marie Deutsch mit rätselhaft hanseatischen Einschlag sprach. Den Pflegekräften wurde nach ihrer Flucht die Chance zuteil, eine Ausbildung an ihrem neuen Lebensort zu machen, aber auch den bedürftigen Menschen und ihren Angehörigen ist durch sie ein Geschenk zuteil geworden. Warum haben wir Scheu, Flüchtlingen (wenn sie das auch selbst wollen) eine solche oder ähnliche und andere Ausbildungen oder Arbeit anzubieten, die oft von den Einheimischen gar nicht mehr ausgeführt wird – beispielsweise in vielerorts aussterbenden und so wichtigen (hinzu würdevollen) Handwerksberufen? Ganz nebenbei würden wir sogar vielen sozial zerstörerischen Fallstricken der Globalisierung entkommen. Warum erhalten wir Gesetze aufrecht, die nur Schaden anrichten, andere in noch größere Not stoßen, uns aber als die Stärkeren in diesem grausamen Spiel der Unmenschlichkeit positionieren?

Jede Gesellschaft braucht an bestimmten Stellen Erneuerung von »Außen«, hier wären alle Beteiligen gleich »Innen«. Ein europäischer Marshall-Plan für Flüchtlinge könnte die Betroffenen gezielt in bestimmte europäische Regionen leiten, die dort Hilfe bekommen oder selbst helfen können, wie das in einem fast ausgestorbenen kalabrischen Dorf namens Riace der Fall war, in dem viele Häuser leer standen und dem Flüchtlinge zu neuer Blüte verholfen haben. Wenn wir marode Banken retten können, dann doch erst recht Menschen! Das erfordert auf beiden Seiten mutige Denkende, Realisten genauso wie Visionäre. Wobei Denken und Sprechen, Kunst und Literatur auch ein Handeln ist. Literatur ist eine kostbare Brücke im Gedächtnis der Welt. Ihre Kraft ist die Sprache. Die kühle politische Management-Sprache muss als erste einer empathischen Sprache der Begegnung weichen. Der Anfang hierfür ist, die in Not Geratenen nicht mehr als Störenfriede und Gegner unseres Wohlstands und unserer Ordnung anzusehen, sondern als Spiegelbilder unserer eigenen sozialen und seelischen Kälte, aber auch unseres Potentials, unserer Fähigkeit und Herzenspflicht, uns anderen in Not geratenen Lebewesen zuzuwenden.

Die Kulturanthropologin Heidrun Friese, die über die Bootsflüchtlinge von Lampedusa und die europäische Frage jahrelang geforscht und dazu eine bemerkenswerte Langzeitstudie veröffentlicht hat, spricht von der derzeitigen Flüchtlingspolitik als einem »eingespielten Grenzsystem« und sagt, der Ausnahmezustand sei längst zum Normalzustand geworden. Das fordere ein neues »Kontinuum von Geben und Nehmen« heraus. Es handelt sich hierbei um eine Zeit des supranationalen Denkens, in der alle Grenzen auch »Kontaktzonen« sind, in denen Fremdes und Eigenes seinen Platz behalten darf. Transnationale Wanderer haben aber seit jeher die Eingesessen gestört und, wie Friese eindrücklich zeigt, Vagabunden z.B. wurden bereits um 1500 regelrecht gejagt, auch Bettler und Müßiggänger waren den Eingesessenen ein Dorn im Auge. Dieser Zorn auf den Anderen, der immer auch zum bedrohlichen Fremden gemacht wird, spiegelt sich derzeit in Bewegungen wie der von Pegida in Dresden oder in jenem kürzlich niedergebrannten Flüchtlingswohnheim im ostdeutschen Tröglitz. Aber vielleicht zeigt uns gerade solcher Starrsinn, dass nur Menschen, die ein eingefrorenes Selbst haben, zu so etwas in der Lage sind. Und wir erst recht eine neue Kultur des Teilens etablieren müssen! Eine Kultur, die zwar auch politisch forciert werden muss, aber nicht nur dort, sondern vor allem im einzelnen Menschen gelebt wird. Wole Soynika hat davon gesprochen, dass Gewalt gegen ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft immer ein Gewaltakt gegen die gesamte Menschheit ist. Etwas ähnliches steht schon seit Urzeiten im Talmud. Der Weg des Lebens ist unsere eigene Wahl, recht besehen haben wir gar keine andere. Wir sind nie unserer eigenen Menschlichkeit näher als in Momenten des Teilens und des Gebens. Literatur, erzähltes Leben, spiegelt uns unser eigenes Bewusstsein. Leider reicht das nicht an sich aus, wenn sie im Einzelnen nichts verwandelt und wir nicht an der Stelle eines gierigen Ichs ein souveränes Selbst formen, ein Selbst, das die Angst und den Gehorsam in sich befragt hat und offen ist, weiter zu denken, so, wie es etwa im kalabrischen Dorf Riace der Fall war, das »illegale Immigranten« (kann ein Mensch illegal sein?) mit offenen Armen empfing und sich so von einer Geisterstadt in einen florierenden Ort der Gastfreundschaft verwandelte. Man hatte den Einwohnern seitens der Politik eingetrichtert, Kriminalität und Verlust der eigenen Identität würden die Folge ihrer Revolte sein. Aber das, so beschreibt es anschaulich der Kulturkritiker und Psychoanalytiker Arno Gruen, trat keineswegs ein. Das Gegenteil war der Fall: »Durch die Entschlossenheit ihres Bürgermeisters Domenico Lucano,« heißt es bei Gruen, »der dem autoritätsgläubigen Gehorsam trotzte und auf das Menschlichsein seiner Mitbewohner pochte, blühte seine Gemeinde wirtschaftlich und gesellschaftlich wieder auf. Mut, Herz und offenes Denken sind die Kräfte, die den Gehorsam besiegen.« Ein neues inneres Sehen ist möglich. Sehen ist Bewusstsein. Und daraus erwächst ein zuvor undenkbar erscheinendes anderes Handeln.


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