Littérature en cas de crise
Literatur im Krisenfall

Literaturtage Solothurn, 16. Mai 2015, 17h im Landhaussaal

Ausgangspunkt jeder Literatur sind Konflikte. Wären Menschen eins mit sich und der Welt, hätten sie vielleicht nie zu erzählen begonnen. Doch selten führt die Erzählung über den Konflikt hinaus oder vermag ihn gar zu lösen. Was leistet die Literatur im Krisenfall?

  

Acht Autorinnen und Autoren deutscher oder französischer Sprache wurden eingeladen, mit literarischen Mitteln einen «Vorstoss» zu formulieren, der sich auf einen politischen Konflikt bezieht.

Im Gespräch mit Cédric Wermuth, Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, und unter der Leitung von Corina Caduff diskutierten die Autorinnen und Autoren im vollen Landhaussaal über die Möglichkeit, politische Konflikte mit den Mitteln der Literatur erfassbar, mitteilbar, gestaltbar zu machen.

Eingeladen haben Adi Blum und Guy Krneta, Vorstandsmitglieder von «Kunst+Politik».
Une coopération avec les Journées Littéraires de Soleure.


-> Revue de presse à propos de cette action
 


Pedro Lenz

D Meinig säge


Isch do no frei?
Isch do no frei?
Isch do no frei?
froge d Lüt im Zug,
froge d Lüt ir Beiz,
froge d Lüt im Bus,
isch do no frei?
isch do no frei?,
dir entschuudigung,
sorry, excüse,
isch ächt do näb öich
no chli öppis frei?

Es antwortet chuum öpper,
es antwortet niemer,
es luege numen aui
aui luege nume,
geischtesabwäsend,
glängwiilet, gnärvt,
und chli verärgeret drüber
dass öpper se frogt,
dass öpper se stört,
dass öpper i d Nöchi,
dass öpper näbe sie,
dass öpper zu ihne
wett go hocke,
näben ihne  dört häre,
wo si äxtra e Jagge,
wo si äxtra e Täsche,
hei häregleit ir Hoffnig,
es bliibi e freie Platz

Aber jetz frogt öpper,
wett öpper Platz näh,
das private Plätzli iinäh,
das chliine, freie Plätzli,
wöus süsch niene Platz
und sowieso wenig Platz,
ender zwenig,
zwenig Platz
uf der Wäut
und im Land
und im Zug
und überhoupt.

Isch do no frei?
Isch do no frei?
Isch do no frei?

Me seit nid jo,
me seit nid nei,
me luegt us em Fänschter,
me luegt i ne Zitig,
me luegt i nes Handy
me luegt a Boden und hoffet,
hoffet chli der anger,
dä wo grad frogt,
frog öpper angers,
frog nöimen angers,
göng ändlech witer,
göng und löng
löng eim in Rueh,
göng und stöng,
stöng us em Liecht
und göng wit furt,
fing nöimen angers
für sich en angere Platz.

Mir hei üsi eigete Sorge,
üsi eigete Gedanke,
jede sini eigete
ganz allei für sich
und ig, i ha hütt am Morge,
scho drü Telefon gha,
scho drü Sigerette gha,
scho drü Tasse Kafi gha,
scho drü Läserbriefe gläse.

Es si Läserbriefe vo Lüt,
wo sech drüber beschwäre,
dass me neuerdings
z Zofigen ire Drogerie
föif Rappe, föif Rappe
für nes Plastiggsäckli
sig so ne e Souerei, sig das
föif Rappe für öppis,
wo früecher aube,
immer eifach gratis,
e Riesesouerei sig das
e fertigen Abriss und d Zitig
het en Umfrog gmacht,
en Online-Umfrog,
ob di Drogerie dörte z Zofige
für so nes Plastiggsäckli
föif Rappe dörf verlange
oder ender lieber nid.

Isch fasch unentschiede,
ds Ergäbnis vor Umfrog,
fasch unentschieden,
aber d Houptsach,
me hets dörfe säge,
me hets chönne säge,
het chönne partizipiere,
het chönne voute,
vo Rorschach bis Oute,
hei aui, aui dörfe voute.

Me het chönnen und dörfe
online drüber abstimme,
e Meinig aaklicke,
das het guet to,
chli abstimme,
chli d Meinig üssere
chli Luft abloh,
chli Dampf abloh,
do simer aui froh,
es isch doch so,
i säges jo.

Das isch ds Wichtigschte,
uf das chunnts aa,
dass me d Meinig,
di eigeti Meinig,
no cha säge, usdrücke,
di eigeti Meinig kundtue,
mir, ds Vouk,
mir, d Stürzahler,
mir, d Schwizer,
mir, d Eidgenosse
üsi Meinig säge
üsi Meinig useloh
üsi Meinig ungerstriiche
üsi Meinig aaklicke,
bi de Plastiggsäckli-Priise,
oder öppe bir Frog,
ob me mit em Wätter
im letschte Monet
im Grossen und Ganze
ender zfriden oder ender
nid so zfride sig gsi.

Jo oder nei sägen und
faus mes nid weiss,
het me süsch ou no
d Glägeheit,
weiss nicht / keine Meinung
aazklicke.

Weiss nicht / keine Meinung
d Plastiggsäckli föif Rappe?
weiss nicht / keine Meinung.
Di Bilaterale mit der EU?
weiss nicht / keine Meinung.
Früechänglisch im Chindergarte?
weiss nicht / keine Meinung.
Di zwöiti Gotthardröhre?
weiss nicht / keine Meinung.
Bewaffneti Bodetruppe schicke?
weiss nicht / keine Meinung.
Cola Light oder Cola Cero?
weiss nicht / keine Meinung.
Isch dä Platz no frei?
weiss nicht / keine Meinung.

I ha ke Meinig,
aber i ha se chönne kundtue,
i has dörfe mitteile,
i ha chönne d Meinig säge.

Het guet to wieder einisch,
säge, was me no nid dänkt,
säge, was me nid weiss,
säge, was me sech nid überleit,
säge, was me nid verschteit,
säge, was me nid ertreit.

Aber gseit muess es si,
wenigschtens anonym,
wenigschtens per Muusklick,
d Meinig, d Meinig, d Meinig,
üsi grossi, bedüttendi,
unverzichtbari
eigeti Meinig.

Tuet guet,
macht Fröid,
isch schön,
git Chraft,
stöut uf,
einisch d Meinig säge,
d Meinig zur Meinigsfreiheit,
di löh mer nis nid ou no lo näh,
nid mir, mir nid.

Weiss nicht / keine Meinung.

Und i de Zitige
cha men ou no läse,
im Wallis heig e Wouf
es paar Schoof grisse,
gäg ne Wouf heige Schoof,
überhoupt ke Chance.

Und öpper meint,
die Affe vom WWF
sige Schoofseckle,
aui Woufs-Fründe
sige Schoofseckle
säge d Schoofhirte
im Wallis äne.

Weiss nicht / keine Meinung.

Isch do no öppis frei?

Nid für e Wouf,
nid für e Bär,
nid für d Eritreer,
süsch chönt jo jede cho,
chönnt jo do jede meine,
är müess ou no cho,
müess ou no do
cho mitrede,
cho Schoof risse,
cho härehocke,
cho ne Meinig ha.

Weiss nicht / keine Meinung.

Isch do no frei?
Isch do no frei?
Isch do no frei?
froge d Lüt im Zug,
froge d Lüt ir Beiz,
froge d Lüt im Bus,
isch do no frei?,
dir entschuudigung,
sorry, excüse,
isch  ächt do no
öppis frei näb öich,
zwüschen öich,
i öich inne?


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