Daniel de Roulet

Nationaler Ausländerstreik

Ein Szenario

Anfangs war da nur ein Zwischenfall in einer Zürcher Kinderkrippe, so hieß es wenigstens im Nachhinein. Es ist immer einfacher, den Analytiker zu spielen, wenn man im ersten Moment nichts mitbekommen hat. Aufgebauscht haben das Ganze die Tageszeitung Blick, abgelöst von Le Matin und anschließend von einer Tessiner Zeitung. Eine junge Krankenschwester, Fräulein Büttikofer, Schweizerin durch und durch, hatte einen kanadischen Ingenieur namens Youhé geheiratet. Die beiden bekamen ein Mädchen, Heidi Youhé-Büttikofer, mit sehr schwarzer Haut und kanadischer Staatsbürgerschaft wie ihr Vater. Als sie sechs Monate alt war, meldete ihre Mutter sie in einer Kinderkrippe an, damit sie als Zweijährige dort einen Platz bekäme. Doch als Heidi zwei war, wurden ihre Eltern gebeten, ein weiteres Jahr auf einen frei werdenden Platz zu warten. Ein Jahr später, als die Mutter wie vereinbart in der Krippe erschien, gab man ihr zu verstehen, die Wartezeit betrage nochmals zwei Jahre. Da sie sich wegen ihrer Arbeit als Krankenschwester keinen Rat wusste und überdies festgestellt hatte, dass andere Eltern ihre Kinder ohne Verzögerung in der Krippe hatten unterbringen können, sprach sie mit der Leiterin. Dabei erfuhr sie, dass die Krippe inzwischen nur noch Kinder mit Schweizer Nationalität aufnahm, was ja durchaus verständlich sei, wenn man bedenke, dass die Ausländer mehr Kinder bekämen als die Schweizer.

In Zürich bildete sich ein Komitee aus Wohlmeinenden zur Unterstützung der Familie Youhé-Büttikofer; mehrere Damen boten sich an, das kleine Mädchen in ihrer Villa am Seeufer zu betreuen. Dass es den Namen Heidi trage, meinte eine von ihnen, gleiche gut und gerne die Tatsache aus, dass es schwarz sei. Frau Youhé aber war damit nicht einverstanden und machte einigen ihrer Kolleginnen am Universitätskrankenhaus von Zürich, die ebenfalls mit einem Ausländer verheiratet waren, den Vorschlag, ihre Kinder zum Zeichen des Protests einen Tag lang aus der Krippe zu nehmen. Die geplante Aktion erklärte sie ausführlich im Internet, damit auch andere Ausländerkinder an besagtem Tag der Krippe fernblieben. Das Datum für den Aktionstag legte sie zwei Monate im Voraus fest. Große Diskussion in den Medien. Ein national-nationalistischer Politiker meinte: Das schafft Platz für die Kinder von hier. Worauf ein Künstlerkollektiv erwiderte, dieser Politiker sei selbst noch im Krippenalter.

Als es so weit war, wurde die Aktion in allen Krippen des Landes durchgeführt, und zur großen Überraschung derer, die nur mit einem schwachen Echo gerechnet hatten, verlief sie überaus erfolgreich; denn auch viele Schweizer Eltern behaupteten an diesem Tag, ihr Kind fühle sich nicht wohl. So landete Heidi Youhé-Büttikofer auf der Titelseite der Wochenzeitung, während die Weltwoche nach eingehenden Nachforschungen mit der Erklärung aufwartete, dass Herr Youhé nicht nur schwarz sei und Kanadier, sondern Vorfahren aus dem Volk der Tutsi habe, welche die Hutu massakriert hätten oder umgekehrt.

Das zweite Ereignis, das die Spannung zwischen den echten und den anderen Schweizern erhöhte, war der Beschluss der Organisatoren des Murtenlaufs, die Teilnahme an diesem Lauf auf Schweizer Athleten zu beschränken. In der Tat beteiligten sich seit Jahren viel zu viele Läufer an diesem Rennen, bei dem regelmäßig Kenianer, Kolumbianer und sogar Franzosen gewannen. Ursprünglich war er ins Leben gerufen worden, um des Sieges der Armee der Eidgenossen gegen den Herzog von Burgund in Murten zu gedenken, doch paradoxerweise gewann mittlerweile immer ein Ausländer. Mit diesem Hinweis meinte Le Temps in einem locker und humoristisch verfassten Leitartikel, den Ausschluss der Ausländer vom Murtenlauf rechtfertigen zu müssen. Mit anderen Argumenten, aber gleicher Schlussfolgerung wies die NZZ darauf hin, dass jene, die nicht unserer Armee angehören könnten, an diesem Tag dem Lauf fernbleiben sollten. Der pragmatischere Tages-Anzeiger schlug vor, zwei Kategorien zu bilden: Schweizer und Nichtschweizer. Doch im letzten Moment nahm das Organisationskomitee des Murtenlaufs seinen Beschluss zurück und verkündete, es sei jedem Läufer selbst überlassen, ob sein Platz wirklich im Herzen einer eindeutig nationalen Gedenkveranstaltung sei. Die ganze Diskussion führte schließlich dazu, dass die Beteiligung in jenem Jahr trotz des schönen Wetters und der Anwesenheit mehrerer Blaskapellen entlang der Strecke miserabel war, dass das Publikum fern blieb und der Sieger sich sogar die Bemerkung erlaubte, er hätte sich lieber an einem Kenianer gemessen als an einem Deutschschweizer.

Das eigentliche Unbehagen der in der Schweiz lebenden Ausländer begann jedoch mit der Führerscheinaffäre. Wie in einigen Fernsehsendungen vorgerechnet wurde, neigen junge Fahrer mit Migrationshintergrund eher dazu, Unfälle zu verursachen, als echte Schweizer. Um dem entgegenzuwirken, beschlossen mehrere kantonale Strassenverkehrsämter, Führerscheine künftig mit einer elektronischen Markierung hinsichtlich der Herkunft ihrer Inhaber zu versehen. Das werde die Anwendung der neuen Gesetze, falls sie eines Tages verabschiedet würden, vereinfachen. Mehrere Abgeordnete hatten nämlich vorgeschlagen, Fahranfängern mit Migrationshintergrund den Führerschein nur provisorisch zu erteilen. Bei der geringsten Geschwindigkeitsüberschreitung oder bei Falschparken könne dieser Führerschein dann sogleich annuliert werden. Die präventive elektronische Markierung hätte vertraulich behandelt werden sollen, doch einige junge ausländische Informatiker, Secondo-Italiener von der ETH, scannten ihre Führerscheine ab und bemerkten den Trick. Die Presse stellte sich hinter die Behörden und erklärte, es sei ja nichts passiert, es habe keinerlei Diskriminierung stattgefunden, und man sei schließlich verpflichtet, jeder Eventualität vorzubeugen. Andererseits verurteilte sie die Vorschläge eines ehemaligen Genfer Ständerats, der in seinem Blog schrieb, der ausländische Abschaum verdiene es nicht besser.

Dabei hätte man es bewenden lassen können, wäre die Gruppe der jungen Secondos nicht auf die Idee gekommen, an einem Samstag zu Beginn der großen Ferien auf der Gotthard-Autobahn eine Protestrallye zu veranstalten. Der Beweis dafür, dass sie keine Verkehrsrowdys waren, ließ sich mit einfachsten Mitteln erbringen: Es genügte eine SMS, um jeden Ausländer, der ein in der Schweiz gemeldetes Fahrzeug besaß, aufzufordern, sich an einer bestimmten Stelle entlang dieser Autobahn einzufinden, seine Geschwindigkeit zu drosseln, einen Stau zu verursachen und seinerseits weitere Freunde per SMS zur Teilnahme aufzurufen. Am ersten Samstag dauerte die Blockade an den Tunneleinfahrten bei Luzern zwei Stunden. Am folgenden Samstag waren in Luzern vorbeugende Maßnahmen ergriffen worden, dafür brach in Olten das Chaos aus. In der Woche darauf - es war der 1. August - wurde zu keiner Demo aufgerufen. Erst am Sonntag, den 2. August, fand wieder eine Überraschungsaktion statt, diesmal auf den Autobahn-Viadukten rings um die Bundeshauptstadt. Völliger Stillstand von 15 bis 20 Uhr. Die national-nationalistischen Politiker forderten umgehend, alle Fahrzeuge zu beschlagnahmen, die im Verdacht stünden, sich am Verlangsamungsdelikt beteiligt zu haben.

Die Unzufriedenheit der zwischen Alpen und Jura lebenden Ausländer fand dann aber ein Ventil ganz anderer Art. Einige Künstler, verspätete Dadaisten, brachten die Idee eines landesweiten Ausländerstreiks auf: Er sollte drei Minuten dauern und zeigen, dass die Zahl der Migranten sehr viel höher liegt als die der Wähler der National-Nationalisten. Allein in Genf beträgt der Ausländeranteil an der arbeitenden Bevölkerung weit mehr als die Hälfte. In drei Minuten, sagten die aufgeregten Künstler, könne man beweisen, dass die Ausländer für das Leben des Landes notwendig seien. Sie begannen, sich an Gewerkschaften, Verbände, Vereine, Kirchengemeinden und andere kulturelle Netzwerke zu wenden, um für ihre Idee und deren Umsetzung zu werben. Was die Idee betraf, gab es keine Probleme; auch die am wenigsten Begeisterten sagten: Warum nicht? Aber bezüglich ihrer Umsetzung vertrat jeder einen anderen Standpunkt. Manche plädierten dafür, erst einmal ein konsultatives Referendum durchzuführen, andere waren für eine Meinungsumfrage. Die einen wollten ein Aktionsdatum festlegen, die anderen bevorzugten den Überraschungseffekt. Und sollte man auch den Tram lahmlegen oder nur die Züge? Wer würde für die drei Minuten zahlen? Und in den Operationssälen, überlegt doch mal! Kurzum, die Künstler hatten zwar eine gute Idee gehabt, aber nicht genügend gesunden Menschenverstand. Schließlich beschlossen sie, den Streik selbst durchzuführen, und veranstalteten eine improvisierte NO-SMS-Aktion. Jeder in der Schweiz lebende Ausländer, der ein Handy besaß, wurde aufgefordert, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit eine SMS an alle in seiner Adressliste gespeicherten Nummern zu schicken, mit der Mitteilung, dass er NICHT streike.

Das Ergebnis war sehr künstlerisch: totaler Serverausfall wegen übermäßigen Datenverkehrs. Während eines Zeitraums von etwa vier bis fünfzehn Minuten war jeglicher Telefonverkehr innerhalb der Schweiz, aus der Schweiz und in die Schweiz unterbrochen. "Cyberterroristischer Angriff", stand auf der Titelseite von L\'Hebdo, "wir hatten unsere Leser gewarnt".

Nun aber hatten alle begriffen, dass ein Ausländerstreik, kein simulierter, sondern ein echter, eines Tages das ganze Land lahmlegen könnte. Deshalb schickte der Bundesrat, wiederum als Vorbeugungsmaßnahme, an jedes Unternehmen ein Formular, das schnellstmöglich elektronisch auszufüllen war. Auf diese Weise sollte eine Liste aller ausländischen Arbeitnehmer erstellt werden, auch der papierlosen, mit E-Mail-Adresse und Telefonnummer. Die freien Berufe wurden ebenfalls erfasst.

 Die Personalleiter verstanden allerdings nicht, warum sie die mühevoll zusammenstellten Listen in doppelter Ausführung verschicken sollten. Eine an die Verwaltung und eine als Blindcopy an einen unbekannten Server. Das zumindest enthüllte L\'Hebdo unter der Schlagzeile "Die nächste Folge im Cyberterrorismus". Laut dieser Zeitung besaß nun jemand, der nichts Gutes im Schilde führe, eine Datei, über die man auf einen Schlag alle bei uns arbeitenden Ausländer kontaktieren konnte. Allein die Gefahr einer möglichen Mobilisierung auf der Grundlage dieser entwendeten Liste löste Panik aus. Es regnete Protestbriefe, Kritiken von Menschenrechtlern, Beschimpfungen, historische Verweise auf das J im Pass, mit dem einst die Juden diskriminiert wurden. Dem Land drohte die Apokalypse.

Die ausländische Presse, die unser Land nie schont, verbreitete die Nachricht und verkündete, man müsse nun jederzeit mit dem Zusammenbruch der Schweizer Wirtschaft rechnen. Denn das Land sei nicht mehr vor einem Überraschungsstreik der Ausländer gefeit. Dann entwarf sie detaillierte Szenarien, die der verrückten Phantasie jener Herrschaften entsprangen, die nur auf diese Gelegenheit gewartet hatten, um sich über die kleinen, allzu selbstsicheren Schweizer lustig zu machen. Dem Daily Telegraph zufolge würde ein Streik in der Schweiz, selbst wenn er nur einen Tag dauerte, der Wirtschaft ebensogroßen Schaden zufügen wie der Crash der UBS. Die New York Times ihrerseits, immer informiert über Nachrichtenlecks im Weißen Haus, glaubte zu wissen, dass Obama persönlich der kleinen Heidi Youhé-Büttikofer politisches Asyl in den USA anbieten wolle. Nur die Welt am Sonntag, abonniert von reichen, im Tessin ansässigen Deutschen, behauptete zu wissen, dass sämtliche Maßnahmen ergriffen worden seien, um im Fall eines Ausländerstreiks den reibungslosen Verkehrsfluss über die Gotthard-Achse zu gewährleisten.

Die ganze Aufregung um einen noch gar nicht durchgeführten Streik hatte jedoch reale Folgen. Innerhalb von zwei Wochen verlor der Schweizer Franken zehn Prozent seines Wertes, was die Kurse mehrerer Vorzeigefirmen der Schweizer Industrie heftig zu spüren bekamen. Es musste etwas geschehen. Das Künstlerkollektiv, das bereits an der SMS-Aktion beteiligt gewesen war, verkündete, die Kopie der berüchtigten Datei befände sich in seinem Besitz, und bot an, sie zu vernichten. Allerdings nur unter der Bedingung, dass das Schweizer Parlament zügig eine Serie von Maßnahmen ergriff, um jegliche Diskriminierung in Kinderkrippen, bei Läufen und bei der Führerscheinvergabe zu verhindern. Daraufhin verfasste der Chef der national-nationalistischen Parlamentsfraktion eigenhändig einen entsprechenden Eilantrag, da mit dem drohenden Streik auch ein möglicher Stimmverlust bei den nächsten Wahlen zu erwarten war.

Erst nach der Parlamentsabstimmung legten die rebellischen Künstler ihre letzte Karte auf den Tisch: Eine Kopie der neu angelegten Ausländerdatei habe es nie gegeben, das Ganze sei eine Erfindung von ihnen gewesen. Und zur Feier dieser kleinen Betrügerei veranstalteten sie einen Murtenlauf, an dem alle teilnehmen durften.

Ddr 11.1.11, Übersetzung: mh

 





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